Wandertipps

Region im Fokus: der Nordschwarzwald

Moorsee im Schwarzwald

Der Nordschwarzwald ist was für Rentner und Senioren. Für Leute, die es gemütlich wollen, kein Risiko eingehen, no risk, fort und doch daheim! Die die Tage mit langweiligen Spaziergängen zwischen düsteren Tannenwäldern verbringen. So denkt sich das der tapfere Alpinist. Wohlan, so mag es schon sein. Das ist das landläufige Bild des nigra silva. Auf den ersten Blick. Oder auch nicht!

Was kennt man normalerweise vom Schwarzwald? Klischees zumeist: -uhren, -kirschtorte, -kirschwasser, -schinken, -häuser, -mühlen – immer mit der Herkunftsbezeichnung „Schwarzwälder“ davor. Kirschtorte und Bollenhüte, Schwarzwaldmädel und „Am Brunnen vor dem Tore…“ – Kitsch und Klischee überall!

„Es ist ein rauch birgig und winterig Land“
Sebastian Münster, Cosmographia universa

Was ist dran am Schwarzwald? Soll man als Bergfreund oder Naturfreak sich hier möglichst rar machen, weil das Land von Auto- oder Kaffeefahrt-Touristen überschwemmt ist? Beileibe nein! Man hätte viel versäumt! Der Schwarzwald hat immer noch großartige Natur zu bieten. Einsame Wanderstrecken in herrlichsten Urwäldern. Die vielgerühmten Bächlein plätschern zwar immer noch traulich – wer weiß, wo, kann sie in himmlischer Einsamkeit genießen! Dazuhin führen einige Weitwanderwege durch dieses Mittelgebirge im Südwesten Deutschlands.

„Der Schwarzwald ist eine Elementarlandschaft, Teamwork von Schöpfer und Mensch.“
Schwabens großer Dichter Thaddäus Troll

 Wandern im Nordschwarzwald

Im Nordschwarzwald kann man klettern, beispielsweise. Der Battert (568 m) bei Baden-Baden, besitzt bis zu fünfzig Meter hohe Felstürme, senkrechte Steilwände, Überhänge und Kamine aus Quarzporphyr, einem vulkanischen Gestein des Perm (Erdaltertum). Er ist das Schwarzwälder Klettereldorado mit 400 Kletterrouten. Hier verdienten sich schon berühmte Alpinisten wie beispielsweise Walter Stösser aus Pforzheim ihre ersten Sporen. Schon vor über fünfzig Jahren kletterte man hier im VI. Grad und seit 1985 gibt es die Führe „Klappstuhl zum Paradies“ im IX. Grad! Den VII. Grad bietet der Lauterfelsen bei Gernsbach. Auch eine nahezu alpine Tour über den felsigen „Karlsruher Grat“ ist möglich. Nie gehört? Mountainbiking, ohne die bekannten Hemmnisse wie etwa in Österreich, findet auch genügend Anhänger. Nie gehört? Freund, dann lies weiter! Dazu natürlich jede Menge weiterer Spaziergänge und knackiger Wanderungen – bezeichnend für den Schwarzwald sind nämlich die Täler, die dem Wanderer ein heftiges auf und ab abverlangen. Da kommen schon Höhenmeter zusammen!

„Die Schwarzen Wälder aufwärts/In das nackte böse Gestein/Es wachsen die schwarzen Wälder bis/in den kalten Himmel hinein… Sie sagen, man sieht dort nur Finstres/Weil Tannen vorm Lichte stehn…“ Bertolt Brecht

Bertolt Brecht, der großelterlicherseits aus dem Schwarzwald stammt, sah wohl nur Finsteres hier. Und über das Gebiet der Schwarzwaldhochstraße hieß es vor rund 300 Jahren in einer alten Urkunde:

„Grausame Wälder, nichts als Klipp und Fels, in die man wohl hineinkäm, aber nicht mehr herausfinde.“

Heimattrunken?

Man muss nicht heimattrunken sein – wie es einmal jemand formulierte –, um die Reize des Schwarzwaldes zu empfinden. Was zeichnet ihn also vor anderen Berglandschaften aus? Größe, Berghöhe, schöne Orte oder viel Wald haben auch andere Gegenden aufzuweisen. Was hier vielleicht das Besondere ist, ist die Vielfalt von Landschaftsbildern. Im Süden Spektakuläres wie die höchsten Berge und tiefe Täler, im Norden eine herbe, düstere Verschlossenheit. Dazwischen liebliche Täler – so sagte schon 1836 Gustav Schwab:

„Seine Wunder erschließt der Schwarzwald erst im Schoß der Täler, wo die Natur vom Erhabensten und Schauerlichsten allmählich ins Liebliche und Milde übergeht.“
Gustav Schwab

Der Schwarzwald besitzt von allen Mittelgebirgen Deutschlands die unterschiedlichsten Landschaftsbilder – herrlich grüne Matten kontrastieren mit dunklen, bewaldeten Höhen, kristallklare Bäche plätschern munter, dunkle, geheimnisvolle und sagenumwobene Seen, Überbleibsel aus der Eiszeit, gibt es ebenso wie rauschende Wasserfälle. Während man im südlichen Teil größere gerodete Flächen findet, ist der Norden, um den hier geht, dicht bewaldet und weite Gebiete sind mit Hochmooren bedeckt.

Diese Gegensätze, liebliche Täler mit freundlichen, heimeligen Orten – am Westrand werden sogar exzellente Weine angebaut – und einsame bewaldete Höhen, zum Teil mit schönen Aussichtspunkten, machen den Reiz dieses Waldgebirges aus. Und das nicht nur im Sommer – lange Zeit war der Schwarzwald eines der beliebtestes Wintersportgebiete, ja, es stand sogar eine der Wiegen des Skilaufs hier. 1891 wurde nämlich in Todtnau im Südschwarzwald der erste Skiclub gegründet. Polarforscher Fridtjof Nansen war Ehrenmitglied.

Nordschwarzwald: Zerknirschung

Der Nordschwarzwald ist ein Gebirgszug aus breiten, flachen Sandsteinrücken. Typisch sind sowohl die versteckt in Karen liegenden eiszeitlichen Bergseen ebenso wie weite Hochmoore. Charakteristisch für diesen Teil des Schwarzwaldes liegen auf dem Buntsandstein die ausgedehnten, dunklen Nadelwälder, in denen auch recht wenige Siedlungen zu finden sind. Der Autor schlägt sich an dieser Stelle im Text zerknirscht auf die Brust: Das genau war es, was ihn nämlich lange Jahre vom Schwarzwald fernhielt, obwohl er nur einen Katzensprung weit weg wohnte, sogar einmal eine Zeitlang direkt am Westrand! Aber das Düstere, Dunkle schreckte ihn ab. Aber hier ist es wie überall: Dummheit und Vorurteile durch Unkenntnis! Beschäftigt man sich mal etwas näher mit dem Gebiet, findet man noch ganz andere Landschaftseindrücke. Und viel Schönes, Romantisches, Interessantes. Der Autor hat es nachgeholt!

Haus im Schwarzwald

Wesentlich bestimmt wird das üblich Klischeebild vom Schwarzwald nicht nur von den roten Bollenhüten, sondern auch vom typischen Haus, einem riesigen Eindachhaus, ehedem mit Stroh oder Schindeln gedeckt. Aber – im Nordschwarzwald, von dem dieser Bericht ja handelt, findet man diese herrliche Bauform nicht in der allseits bekannten Ausprägung. Die Hausform ähnelt hier mehr dem sogenannten „Schwäbischen Haus“. Städte und Dörfer sind bestimmt von rotem Sandstein, die Häuser oft auch durch kleinformatige, angestrichene Schindeln vor der Unbill der Witterung geschützt oder ab dem Sockel als Fachwerkhaus ausgebaut.

Seit wann heißt der Schwarzwald Schwarzwald?

Vielleicht seit urdenklichen Zeiten: silva nigra nannten ihn die Römer. Der heutige Name wurde urkundlich erstmals 868 in einem St. Gallener Urkundenbuch als „saltus svarzwald“ genannt. Black forest oder Foret noir ist heute geläufiger. Schon früh war der Schwarzwald als Reisegebiet bekannt, schon 1865 erschien ein erster „Führer durch den Schwarzwald“.

Von der gesellschaftlichen Bedeutung der Misthaufen!

Von allen berühmten und sehr berühmten Schriftstellern, die je den Schwarzwald besungen haben, seien stellvertretend zwei nichtdeutscher Zunge, zufällig beide von jenseits des Atlantiks und beide recht spottlustig, genannt. Mark Twain, der ganz große Spötter, hielt seinerzeit die großen Misthaufen vor den Häusern wohl für das Charakteristikum der Schwarzwaldhäuser und stellte nach deren Größe tiefsinnige Kombinationen über Vermögen, Stand und gesellschaftliche Stellung der Misthaufenbesitzer an – vom „armen Teufel“ bis zum „Herzog“, dessen Haus von einer „alpenähnlichen Dungpracht“ umgeben war, reichten seine Schlüsse! Und Ernest Hemingway war mehr von groben Wirten, die aussehen wie Ochsen, kamelähnlichen Wirtinnen und schmutzigen Gasthäusern beeindruckt. Beide „Steine des Anstoßes“ gibt es heute natürlich nicht mehr!

„Wie fröhlich hier im reichen Thal die lieben Bäume stehen, geschützt von jenen Höh’n“
Max von Schenkendorf

Vom Einbruch des Landes – zur Geologie

Man sieht nur, was man weiß. Weiß man etwas von der Entstehung einer Landschaft, versteht man sie auch besser. Also: Der Schwarzwald gehört zum oberrheinischen Grabensystem; zusammen mit dem Odenwald bildet er das östliche Randgebirge der Oberrheinischen Tiefebene. Die Maße des ganzen Gebirgsstocks sind 160 Kilometer in der Nord-Süd-Ausdehnung und zwischen 25 Kilometer (Norden) und 60 Kilometer (Süden) in der Breite.

Als südwestlicher Abschluss des Landes Baden-Württemberg bildet er die Form eines großen Tropfens. Das hier beschriebene Gebiet – etwa ein Drittel des gesamten Schwarzwaldes – ist im Westen begrenzt vom Rheintal, etwa von Ettlingen bis Offenburg. Dann reisen wir gedanklich direkt in östliche Richtung nach Freudenstadt und weiter bis Horb, und wenden uns anschließend nach Norden, nach Nagold, und über das romantische Hermann-Hesse-Städtchen Calw in die Goldstadt Pforzheim. Von hier aus geht es wieder nach Westen. Ein Trapez sozusagen!

Es handelt sich um das höchste Mittelgebirge Süddeutschlands! Die mächtigsten Erhebungen mit rund 1500 Metern finden wir im Süden (der allerhöchste ist mit 1493 Metern der Feldberg), im Nordschwarzwald reichen die Berge nur bis knapp 1200 Meter (hier ist der höchste die Hornisgrinde mit 1164 Metern in einer Gruppe von neun anderen Übertausendern). Vom Gipfel der Hornisgrinde aus fällt einem sofort auf, wie das Gebirge nach Osten, den Gäulandschaften zu, flach, nach Westen, zur Rheinebene hin, jedoch stark abfällt. Ausgesprochenen Gebirgscharakter findet man nur im westlichen Teil.

Felsen im Schwarzwald

Der eigenartige Reiz rührt vom Gesteinsmaterial her – Gneis und Granit im Süd- und Mittleren Schwarzwald, Buntsandstein im Osten und vor allem im Nordschwarzwald. Dieses Felsmaterial schlägt sich auch in den Ortsbildern nieder. Die Gesteinsschichten wurden im Südschwarzwald und im westlichen Teil durch Verwitterung und Erosion abgetragen, so dass hier die Urgesteine Granit und Gneis zutage traten. Im Nordschwarzwald und im Osten blieb der darüber liegende Buntsandstein erhalten. Auf diesem liegen die kargen, ertragsarmen Böden, die hier vor allem von Nadelwald bedeckt sind.

Doch wie entstand der Schwarzwald? Heute sind Vogesen und Schwarzwald Spiegelbilder; früher, bis zum Erdmittelalter (Mesozoikum) waren sie eine Masse. Ihr Gestein, Gneise, kristalline Schiefer, Granite, mit zahlreichen Erzadern, wurde in der Erdurzeit gebildet. Erst vor 50 bis 60 Millionen Jahren, in der Erdneuzeit (Tertiär), wölbte sich das Land so lange empor, bis die Spannungen so groß wurden, dass der Oberrheingraben allmählich einbrach. Gleichzeitig stieg der Schwarzwald (und die Vogesen) auf. In derselben Zeit entstanden übrigens auch die Alpen. Dies alles gehörte zu dem großen europäischen Grabensystem, das sich vom Mittelmeer bis Norwegen erstreckt. Im Laufe der Zeit wurde das Urgestein durch mächtige Ablagerungen (Sedimente) überlagert. Eines davon ist der Buntsandstein, dessen rötliche Ausformung uns, wie gesagt, im Nordschwarzwald immer wieder begegnet. In der Natur und in den Bauwerken.

Interessant ist auch die Entstehungsgeschichte mancher Bergpartien: Die nahezu 800 Meter hoch gelegenen, wild zerklüfteten Felsgebilde am „Karlruher Grat“ oder die Kletterfelsen am Battert bei Baden Baden entstanden vor rund 210 Millionen Jahren. Damals trat vulkanisches Magma bei einer Spalteneruption zu Tage und erstarrte zu hartem Quarzporphyr.

„…die Murg brodelt schaumig , im steinigen Flußbett schwimmen die Felstrümmer bleich wie Totenknochen, schlanke Viadukte schwingen sich kühn wie Gedanken über die Schlucht.“
Werner Bergengruen

Warum Schwarz?

Die ursprünglich geschlossenen Waldgebiete wurden erst im Mittelalter durch Rodungen aufgelockert. Auch heute noch liegen viele kleine Dörfer, Waldhufendörfer, auch Zinken genannt, in Rodungsinseln – und wären sie unbewohnt, der nigra silva würde sie sich urwaldartig in kurzer Zeit wieder zurückerobern!

„Man kann diese edlen Wälder ebensowenig beschreiben wie die Empfindungen, die sie hervorrufen.“
Mark Twain

Ist er wirklich dunkler, schwärzer als andere Mittelgebirge? Der Schwarzwald ist ja überwiegend bewaldet – und Bäume sind bekanntlich grün. Oder heißt er Schwarzwald, weil die Menschheit früher dunkle Geheimnisse in ihm vermutete? Manche meinen ja, der Name sei aus Hardtwald oder Harzwald entstanden – aber eben schon die Römer nannten ihn nigra silva oder silva marciana, den Grenzwald.

Im Nordschwarzwald standen bereits bei Wilhelm Hauff, der Anfang des letzten Jahrhunderts sein kurzes Leben lebte, „die Bäume so dicht und so hoch, dass es am hellen Tag beinahe Nacht war…“.

„Ein beinahe ununterbrochener Wald bedeckt das Gebirge. Der Wald ist unvergleichlich. Es gibt Wildnisse, wo man auf einen undurchdringlichen Klumpen einer unabsehbaren Strecke hundererlei Arten von Bäumen mit ebenso vielfältigem Grün, ineinander verschlungen, sieht; dann wieder Partien wo gradstämmige Fichten mit ihren Kronen ein von Säulen getragenes Dach bilden.“
Heinrich Sander

Der Schwarzwald ist Deutschlands größtes Waldgebiet, hier im Nordschwarzwald nimmt die bewachsene Fläche immerhin fast drei Viertel ein. Davon sind rund 87 Prozent Nadel-, der Rest Laub- und Mischwälder. Interessant hierbei: im Südschwarzwald ist der Laubbaumanteil doppel so hoch und im Frühjahr oder im Herbst erweckt dieser Teil des Schwarzwalds durch seine Laubbäume fast den Eindruck eines Laubwalds. Der untere Bergwald reicht bis 900 Meter hinauf, hier herrschen Buchen und Tannen vor, auch als Mischwälder. Darüber liegt der obere Bergwald, ebenfalls mit Buchen, aber die Tanne ist durch die widerstandsfähigere Fichte ersetzt. Die Tanne unterscheidet sich übrigens von der Fichte durch ihre abgeflachte Kronenspitze. In größerer Höhe findet man dann vor allem Fichten. An der Ostgrenze gehen die Fichtenwälder in Kiefernwälder über, vor allem auf Plateaus mit moorigen Böden. Die Kiefer tritt hier oft als Krummholz in Gestalt der Legföhre auf.

Höhenmäßig reichen die Berge nicht über die Baumgrenze, auch wenn es Regionen mit alpinem Charakter gibt. Deutschlands höchster Baum – eine rund hundert Jahre alte, 58 Meter hohe Douglasie – steht natürlich auch im Schwarzwald! An geschützten Stellen findet man knorrige Wetterfichten, in felsigen Regionen auch einige alpine Pflanzen wie beispielsweise die Alpenrose, der Gelbe Enzian oder die Bergflockenblume. Dies vor allem im Südschwarzwald, der Höhe wegen. Übrigens ist der Schwarzwald auch als Tummelplatz für Schmetterlinge bekannt.

Seit ein paar Jahren gibt es den Nationalpark Nordschwarzwald, der lange Jahre heiß umstritten war, der aber dann trotz großem Widerstand nach einer Volksabstimmung doch ins Leben gerufen wurde. Seine Leitung sitzt am Ruhestein. Er ist in einen nördlichen und einen südlichen Bereich aufgeteilt. Im Informationszentrum am Ruhestein gibt es auch eine kostenlose Ausstellung. Von ihm werden zahlreiche Veranstaltungen und geführte Wanderungen durchgeführt.

Die Unheimlichen Moore des Nordschwarzwalds

Typisch für den Nordschwarzwald sind die zahlreichen Moore, Hochmoore – entstanden nach der Eiszeit. Da über dem Buntsandstein vereinzelt tonige und wasserundurchlässige Gesteinsschichten zurück blieben, werden Hochmoore nur durch Niederschläge gespeist – das Wasser ist demensprechend mineral- und nährstoffarm. Sie sammelten wie riesige Zisternen Regenwasser, und Torfmoos siedelte sich an. Dessen unterste Schichten sterben allmählich ab, darauf wachsen aber neue Pflanzen, so dass das Moor immer höher wird. In den Hochmooren und den steilen Wänden der Kare finden wir auch Tundrenpflanzen, Relikte aus der letzten Eiszeit. Fünfzig Arten zählt man insgesamt – ein Großteil davon allerdings nur im Feldberggebiet. Eines der berühmtesten Moore, das Wildseemoor, das auch das größte ist, wurde zum Glück bereits im letzten Jahrhundert zum Naturschutzgebiet erklärt, allgemein jedoch sind die Moore heutzutage am Absterben.

Moor im Nordschwarzwald

Wer an Moore denkt, denkt normalerweise an eine unheimliche gespenstische Landschaft, aus Nebelschwaden steigen Geister auf, und der einsame Wanderer läuft Gefahr, vom schwingenden Pfad in den schwarzen Morast zu geraten. So mögen sie an trüben Tagen wohl auch wirken, die Hochmoore des Nordschwarzwaldes. Im Herbst jedoch leuchten sie in strahlendem Orange, fröhlich und munter. In den Mooren findet man die für diese Vegetationsart typische Pflanzenwelt. Die durch Verlandung eines Sees entstandenen Wiesenmoore weisen See-, Teichrosen, Rohrkolben, Trollblumen auf, während in den durch Versumpfung eines ehemaligen Waldes entstandenen Mooren charakteristische Torfmoose, Bergkiefern, Rauschbeeren, Wollgras und Sonnentau zu finden sind. Und wer vom Weg abginge – natürlich streng verboten! – dürfte über Legföhren klettern und sich mit harzigem Geruch vollsaugen.

Augen Gottes – Karseen im Nordschwarzwald

Eine Besonderheit im Nordschwarzwald sind die kleinen Seen, Karseen genannt. Schön zu jeder Jahreszeit, am schönsten aber vielleicht an einem sonnigen Herbsttag, wenn vor dem dunklen Wasser und einem ebensolchen Hintergrund das Gras drumherum goldorange leuchtet. Oftmals einsame, runde bis ovale Löcher mit einer gehörigen Tiefe (4 – 17 m tief). Eine Ausnahme unter den sonst so stillen Seen dürfte wohl der „Rummelplatz“ Mummelsee an der Schwarzwaldhochstraße sein. Früher war er ein Kleinod; – seinen Name hat er übrigens von den Nixen, den „Mümmeln“.

Karsee im Nordschwarzwald

Manche Seen sind glasklar, manche auch zugewachsen oder -geschlammt. Alle liegen zwischen 750 und 1000 Meter hoch am Fuß von Karwänden, die 110 bis 170 Meter darüber empor steigen. Die Karnischen oder Geländemulden wurden von Gletschern ausgehobelt; die losen Schuttmassen blieben nach deren Wegschmelzen, die hier auf den Nordseiten der Berge später erfolgte, als Wälle liegen. Ursprünglich waren es sechzig Seen, 14 haben noch bestanden, als die Menschen in die Wälder kamen und neun sind heute noch übrig.

Typisch Nordschwarzwald: Felsenmeere

Typisch für den Nordschwarzwald sind außer den Mooren und den Karseen noch die Felsenmeere, vor allem an steileren Hängen auf Buntsandstein. Entstanden sind sie in den Eiszeiten, als der Boden noch durch keine Vegetation geschützt war. Er wurde damals durch Bodenfließen (Solifunktion) abgetragen. Durch wiederholtes Auftauen und erneutes Gefrieren, vor allem während der eiszeitlichen Sommer, gerieten die Blöcke ins Rutschen und sammelten sich oft am Fuß von Hängen. Auch heute noch können sich die riesigen Felsen bewegen, wenn die Hangneigung über 35 Grad beträgt!

Malerische Städte

„…zwischen Wien und Singapore habe ich manche hübsche Stadt gesehen…die schönste Stadt von allen aber, die ich kenne, ist Calw an der Nagold, ein kleines, altes schwäbisches Schwarzwaldstädtchen.“
Hermann Hesse

Der weitgereiste Dichter musste es als Calwer ja wissen. Aber noch andere romantische alte Städte sind sehenswert. Keine Großstädte, sondern kleinere und mittlere Orte, die noch einiges von ihrem Fachwerkcharme behalten haben. Spitzweg hätte seine helle Freude daran! Beispielsweise die Gemeinde mit der größten Fläche Baden-Württembergs (190 Quadratkilometer) und einem der größten Waldbestände einer deutschen Gemeinde, Baiersbronn. Oder Zavelstein, früher die kleinste Stadt Württembergs mit zwölf Häusern und 25 Einwohnern; es wetteiferte lange Zeit mit Hauenstein im Südschwarzwald sogar um den Rang der kleinsten Stadt Deutschlands! Hirsau mit seiner Benediktinerabtei, die im 11. Jahrhundert zu den bedeutendsten Klöstern gehörte und den ganz Europa beeinflussenden „Hirsauer Stil“ kreierte. Baden-Württembergs höchstgelegene Stadt, Freudenstadt, 1599 für vertriebene Salzburger Protestanten nach dem Schema eines Mühlebrettspiels gegründet. Die alte Flößerstadt Gernsbach mit ihrem prächtigen Renaissancerathaus, erbaut für einen reichen Flößer. Prächtig auch das Fachwerkstädtchen Dornhan. Altensteig, herrlich über der Nagold gelegen. Bad Wildbad, die „Perle des Schwabenlandes“, wie 1893 Caesar Schmidt sagte. Am Westrand findet man fröhliche Weinlandschaften. Kirschen- und Zwetschgenland, ja geradezu -paradies, wie Deutschlands Zwetschgenhochburg Bühl! Als touristische Zentren entwickelt haben sich im Nordschwarzwald das Gebiet um Dobel, das Enztal mit Bad Wildbad, das Nagoldtal mit Bad Liebenzell, das Kniebisgebiet mit der Schwarzwaldhochstraße, die Gegend um Freudenstadt und Baiersbronn, das Renchtal mit Bad Peterstal-Griesbach und Baden-Baden und Umgebung, und, und, und…

Heilbäder jede Menge, sogar so weltberühmte wie Baden-Baden, die „Sommerhauptstadt Europas“, deren größte Zeit allerdings schon abgelaufen ist – findet man verstreut über den ganzen Schwarzwald. Heute ruinieren sich keine russischen Großfürsten mehr im Casino, keine Kaiser und Könige wie Napoleon III., Queen Victoria, Kaiserin „Sissi“ oder Zar Nikolaus, keine indischen Maharadschas oder amerikanische Millionäre. Dostojewski beispielsweise wurde im Baden-Badener Casino zu seinem 1868 erschienen Roman „Der Spieler“ inspiriert, und Selbstmörder, weil Hab und Gut, Weib und Kind verspielt sind, sollen auch recht selten geworden sein!

Schwarzwaldhochstraße – „Die“ touristische Straße

Im Frühjahr zeigen die Tannen hellgrüne Spitzen und der Farn entrollt seine Blätter. Es säumen gelbe Ginster, blaue Lupinen und rote Fingerhüte die Straßen. Im Sommer bei heißer Fahrbahn und harziger Luft aus den Wäldern und im Herbst, wenn klare Blicke bis zu den Vogesen, dem Münster in Straßburg und zur Schwäbischen Alb und den Alpen reichen: immer ist Zeit für die Schwarzwaldhochstraße.

Ein „Must“ für viele Touristen ist sie, erbaut in den 1930er-Jahren zum Abbau der Arbeitslosigkeit. Beginnend im Baden-Badener Vorort Geroldsau führt sie über aussichtsreiche Kammhöhen 54 Kilometer lang bis Freudenstadt. Staus und Stop-and-Go-Verkehr an schönen Sonntagen sind vorprogrammiert – und mancher Lenker lässt sich von der schönen Aussicht leider zu sehr vom Verkehrsgeschehen ablenken, so dass es kracht! Idylle – z. B. am Mummelsee (auch wenn überlaufen) und Tod – das Waldsterben an der Hornisgrinde ist nicht zu übersehen und bietet besonders grausame Bilder! – liegen dicht beieinander. That’s life!

Üei

Dies ist kein Ausruf aus einer Urschreitherapie und auch nicht Suaheli – es ist ein gar nicht so seltener Dreifachlaut, wie er beispielsweise in „Fruei“ (Frühe) verwendet wird; ebenso fremdartig mutet auf Ungewohnte die alemannische Aussprache des „k“ an. Wie in der Schweiz wird es zu ch, einem Rachenlaut. Der Knabe wird zu einem „Chnab“, das Kirschwasser zu „Chriesewässerli“ und das Küchenkästchen zu „Chuchichänschterli“ Die Sprachgrenze vom alemannischen zum schwäbischen läuft quer über den Schwarzwald, hüben sagt man „I ben gwä“, drüben „I bi gsi“ – für Nichteingeweihte, beides: „Ich bin gewesen.“ Übrigens: zu den Ureinwohnern des badischen Teils, den Badenern, sage – wem sein Leben lieb ist – niemals „Badenser“, es könnte sonst übel ausgehen!

Tradition auf dem Fluss: die Flößerei

Über die Flüsse wurden Baumstämme geflößt – die Flößer hatten eine ebenso lange Tradition wie die im Wald heimischen Köhler. Viele Stämme gingen nach Holland – weshalb große und mächtige Bäume schlichtweg „Holländer“ hießen. Ein Kuriosum gab es auch: an der alten Grenze zwischen Baden und Württemberg zwischen Schönmünzach und Forbach. Die Badener duldeten nämlich keine schwäbischen – feindlichen – Flöße. So wurde die „Huzenbacher Maschine“ konstruiert. Dieser Aufzug hob das Holz mehrere hundert Meter hinauf, danach wurde es hinab ins Enztal transportiert und über den Neckar zum Rhein, wo es dann ohne weiter Anfeindungen weitergehen konnte. Leider war das technische Wunderwerk nur kurze Zeit in Betrieb.

Der Schwarzwaldverein

Als erster deutscher Wanderverein gründeten Honoratioren 1864 in Freiburg der „Badischen Verein von Industriellen und Gastwirten zum Zwecke, den Schwarzwald und seine Umgebung besser bekannt zu machen“. Bald jedoch wurde der zungenbrecherische Name abgeschafft und in Badischer Schwarzwaldverein umbenannt. Genau zwanzig Jahre später schlug die Geburtsstunde des württembergischen Schwarzwaldvereins. 1934 schlossen sich beide „auf höhere Weisung“ zusammen. Der badische Verein richtete den Westweg, der württembergische den Ostweg und beide zusammen den Mittelweg ein. Heute betreut der mit 91 000 Mitgliedern zweitgrößte Wanderverein Deutschlands rund 23 000 Kilometer Wanderwege.

Auf Schusters Rappen

Der Schwarzwald ist ein Paradies für Wanderer, die gerne längere Strecken unter die Beine nehmen, gerne mal allein sein möchten und sich vor heftigem auf und ab nicht fürchten. Herrliche Wanderungen sind möglich. Die oft beschworene Stille ist hier greifbar. Ein Kuckuck ruft seine einsamen Worte, die Wipfel wiegen sich im Wind und die Schritte des einsamen Wanderers versinken im weichen Moos oder im Nadelteppich. Und nach den sattgrünen Farben des Sommers folgt ein Furioso von bunten Herbstfarben. Danach kommt – heutzutage allerdings nicht mehr jedes Jahr – ein schneereicher Winter, in dem die Bäume unter der Last des Schnees zu brechen scheinen!

Aussichtspunkt im Nordschwarzwald

Mehr Informationen:

mein-schwarzwald.de

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1 Comment

  • Reply
    Wandertipps für den Schwarzwald
    November 14, 2017 at 2:17 pm

    […] Mehr Informationen über den Nordschwarzwald gibt es im Artikel Region im Fokus: der Nordschwarzwald […]

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